Von Afrika nach Österreich: Kulturschock mit Nebenwirkungen – und warum ich heute noch meine Zähne statt meiner Zehen berühre!

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Eine Südafrikanerin, ein österreichischer Ehemann, ein Paar Seidenboxershorts und ungefähr tausend ungeschriebene Regeln. Willkommen in meinem Leben zwischen zwei Welten!

Mit 21 Jahren kam ich nach Österreich. Frisch verheiratet, verliebt bis über beide Ohren, voller Lebensfreude und mit einem Selbstvertrauen, das im Nachhinein betrachtet irgendwo zwischen bewundernswert und völlig wahnsinnig lag.

Ich sprach kaum Deutsch. Kannte die österreichische Mentalität nicht. Hatte keine Ahnung, was mich erwartete.

Aber ich hatte einen Ehemann, zwei Koffer und eine Einstellung zum Leben, die ungefähr so lautete:

„Ach, das wird schon! Und wenn nicht, machen wir halt einen Plan!“

Ich war in Südafrika aufgewachsen, seit meinem ersten Lebensjahr. Meine Eltern waren Europäer, aber Südafrika war meine Heimat. Das Land, das mich geprägt hatte. Mit seiner Vielfalt, seiner Lebendigkeit, seinen Widersprüchen und seiner ganz eigenen Art, mit dem Leben umzugehen.

Und plötzlich war ich in Österreich.
Was konnte da schon schiefgehen?
Nun ja. Einiges.

Bevor ich weitererzähle: Das hier sind meine persönlichen Erlebnisse, Beobachtungen und manchmal ziemlich subjektiven Eindrücke. Keine wissenschaftliche Studie über die österreichische Volksseele und schon gar keine Behauptung, dass alle Österreicher gleich sind. Ich liebe dieses Land und die Menschen, die mein Leben hier bereichert haben. Aber manche kulturellen Unterschiede waren für mich einfach zu komisch, um sie nicht zu erzählen.

Frisch verliebt, frisch verheiratet – und zum Glück verstand ich kein Wort!

Am Anfang war alles wunderbar.

Wir wohnten bei meinen Schwiegereltern, mein Mann war mein sicherer Hafen, und ich schwebte auf Wolke sieben.

Alle waren freundlich. Alles war neu. Alles war aufregend.
Und wenn am Familientisch Deutsch gesprochen wurde, lächelte ich einfach glücklich vor mich hin.

Ich verstand sowieso ungefähr 20 Prozent.

Heute denke ich manchmal: Was für ein Segen!

Denn Jahre später, als mein Deutsch besser wurde, erinnerte ich mich an gewisse Situationen und dachte plötzlich:

„Moment mal … hat sie damals etwa DAS gemeint?!“
Manchmal ist Unwissenheit tatsächlich ein Geschenk des Himmels.
Besonders in der Schwiegerfamilie.

Mein erstes Vorstellungsgespräch: Keine Ahnung, aber jede Menge Selbstvertrauen!

Nach wenigen Monaten fand ich eine Stelle in einem grossen internationalen Textilunternehmen.

Wie ich das geschafft habe?

Bis heute ein kleines Wunder.

Beim Vorstellungsgespräch verstand ich ungefähr 20 Prozent der Fragen.

Die restlichen 80 Prozent beantwortete ich mit meinem charmantesten Lächeln und einer erstaunlich überzeugenden Variante von:

„Ja, natürlich! Das kann ich lernen!“

Was genau ich lernen sollte, wusste ich allerdings nicht.

Aber ich sprach fliessend Englisch, war offen, kontaktfreudig und offenbar ziemlich überzeugend.

Sie stellten mich ein.

Und dann kam der erste Arbeitstag.

Tja.

Jetzt musste ich tatsächlich herausfinden, wofür ich überhaupt eingestellt worden war!

Aber irgendwie ging es. Schritt für Schritt. Mit Improvisation, jeder Menge Mut und wahrscheinlich einer gehörigen Portion Glück.

Erst als ich etwas besser Deutsch verstand, erfuhr ich übrigens, dass einige meiner Kollegen bei meiner Ankunft ziemlich überrascht gewesen waren.

Sie hatten gehört, dass eine junge Frau aus Afrika kommen würde, und automatisch angenommen, ich müsse Schwarz sein.

Als dann eine hellhäutige junge Frau mit europäischen Eltern vor ihnen stand, waren sie völlig verblüfft.

Ich fand das herrlich.

Willkommen in der Welt der Vorstellungen, die wir uns von anderen Menschen machen!

Der Tag, an dem ich meinen Chef bat, mit einem Ständer herunterzukommen

Eine meiner legendärsten Sprachpannen passierte ebenfalls in dieser Firma.

Eine Designerin kam mit einer neuen Modekollektion und brauchte einen Kleiderständer.

Sie sagte mir, ich solle den Chef bitten, mit einem Ständer herunterzukommen.

Also ging ich zu ihm.

Und wiederholte brav, was ich verstanden hatte.

Leider hatte ich keine Ahnung, dass ein „Ständer“ im Deutschen nicht nur ein praktisches Möbelstück für Kleidung sein kann.

Sondern auch … nun ja … eine gewisse männliche Körperreaktion beschreibt.

Da stand ich also, völlig unschuldig, und bat den Chef, doch bitte mit einem Ständer herunterzukommen.

Stille.

Absolute Stille.

Niemand sagte etwas.

Ich lächelte.

Alle anderen schauten etwas merkwürdig.

Erst als mir jemand erklärte, was ich da gerade gesagt hatte, brachen wir in schallendes Gelächter aus.

Und wisst ihr was?

Ich habe mich kein bisschen geschämt.

Warum auch?

Wenn man über sich selbst lachen kann, verliert das Peinliche plötzlich seine Macht.

Und ich hatte noch sehr, sehr viele Gelegenheiten, diese Fähigkeit zu trainieren.

Von den Zehen zu den Zähnen – meine Yoga-Schüler brauchen Humor!

Bis heute ist Deutsch für mich eine Sprache mit eingebautem Überraschungseffekt.

Besonders beim Yoga.

Da möchte ich meinen Schülern ganz friedlich sagen:

„Beugt euch nach vorne und berührt eure Zehen.“

Was manchmal herauskommt, ist:

„Beugt euch nach vorne und berührt eure Zähne!“

ZÄHNE. Nicht ZEHEN.

Ganz ehrlich, diese beiden Wörter klingen für meine südafrikanischen Ohren verdächtig ähnlich!

Meine armen Schüler.

Die kommen zum Yoga, um ihre Beweglichkeit zu verbessern, und sollen plötzlich akrobatische Zahnübungen machen.

Vielleicht sollte ich dafür eine neue Yoga-Richtung anmelden.

Dental Yoga. Für besonders Fortgeschrittene. 🙂

Und bitte, fangt gar nicht erst mit der, die, das an!

Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir diese drei kleinen Wörter einfach zu viel Lebensenergie rauben.

Jemand hat einmal versucht, mir die Logik dahinter zu erklären.

Ich habe aufmerksam zugehört.

Wirklich.

Aber als ich erfuhr, dass es der Tisch, die Lampe und das Mädchen heisst, war meine Beziehung zur deutschen Grammatik endgültig erschüttert.

Heute verteile ich Artikel ziemlich grosszügig nach Gefühl.

Mal richtig. Mal falsch.

Hauptsache, wir verstehen uns!

Und als wäre Hochdeutsch nicht schon Herausforderung genug, gibt es in Österreich auch noch Dialekte.

Drei Kilometer weiter – und schon wieder eine neue Sprache!

In Südafrika sprach ich Englisch, und damit konnte ich mich praktisch überall auf Englisch verständigen.

Natürlich gibt es dort auch unterschiedliche Akzente, Dialekte und viele weitere Sprachen. Aber mein eigenes Englisch musste ich nicht bei jedem Ortswechsel neu erfinden.

Dann kam ich nach Vorarlberg.

Hier fährst du gefühlt drei Minuten ins nächste Dorf, und plötzlich sprechen die Leute wieder ein bisschen anders!

Kaum glaubst du, die Sprache endlich zu verstehen, begegnest du jemandem aus Wien.

Oder Kärnten.

Und denkst:

„Entschuldigung, in welchem Land bin ich jetzt eigentlich?“

Vorarlbergerisch klingt für mich oft fast schweizerisch. Wienerisch hat seinen ganz eigenen Klang. Und Kärntnerisch ist wieder ein neues Abenteuer.

Ich bin mittlerweile überzeugt: Österreich ist kein Land.

Es ist ein sprachliches Escape-Room-Spiel mit neun Bundesländern.

Und ich suche noch immer den Ausgang.

Dazu kommen die oft sehr eng verbundenen Dorf- und Freundeskreise. Wer dazugehört, gehört dazu. Wer neu ist, braucht manchmal Geduld.

Ich kam aus einer Welt, in der ich gewohnt war, einfach auf Menschen zuzugehen.

Hier musste ich manchmal erst herausfinden, ob ich überhaupt schon offiziell zum Kreis der Menschen gehöre, die man spontan auf einen Kaffee einladen darf!

Hilfe, es zieht! Und andere österreichische Notfälle

Eine meiner grössten kulturellen Entdeckungen war die österreichische Beziehung zu Ordnung, Regeln und Haushaltsdisziplin.

Zum Beispiel:

DURCHZUG!

Ich hatte ein Fenster geöffnet.

Einfach so.

Weil ich frische Luft wollte.

Plötzlich wurde Alarm geschlagen.

„Mach das Fenster zu! Es zieht!“

Ich schaute mich um.

Kein Sturm. Kein Tornado. Keine fliegenden Möbel.

Nur ein bisschen Luft.

Aber offenbar hatte ich gerade eine nationale Sicherheitskrise ausgelöst.

Ähnlich dramatisch war mein Verhältnis zum Kühlschrank.

Ich öffnete die Tür, schaute hinein und überlegte, worauf ich Lust hatte.

„MACH DEN KÜHLSCHRANK ZU!“

Meine Güte!

Ich wollte mir nur etwas zu essen holen und nicht die gesamte europäische Energieversorgung lahmlegen!

Und dann die Toilettenpapierregel.

Zwei Blatt.

ZWEI!

Ich wusste nicht einmal, dass Toilettenpapier eine eigene Haushaltsverordnung braucht.

Dazu kamen Anweisungen, wie meine Schuhe nebeneinanderstehen sollten, wo genau sie hingehörten und dass sie natürlich ordentlich geputzt sein mussten.

Ich kam mir manchmal vor wie in einem militärischen Trainingslager.

Nur mit Hausschuhen.

Natürlich verstehe ich heute viel besser, woher diese Gewohnheiten kommen. Sparsamkeit, Ordnung, Verantwortungsbewusstsein – das alles hat seinen Wert.

Aber damals dachte ich oft:

„Meine Güte, Leute. Können wir bitte einfach leben?“

Ein südafrikanisches Partygirl in Männerunterwäsche

Meine modischen Entscheidungen sorgten ebenfalls gelegentlich für kulturelle Erschütterungen.

In Südafrika hatte ich meine halbe Punkphase hinter mir.

Ich liebte es, verschiedene Kleidungsstücke zu kombinieren, Neues auszuprobieren und meinen eigenen Stil zu kreieren.

Regeln?

Welche Regeln?

Als ich in der Textilfirma arbeitete, entdeckte ich eines Tages ein wunderschönes Paar seidene Männerboxershorts.

Ich betrachtete sie.

Und dachte:

„Wow! Die würden mit dem richtigen Oberteil fantastisch aussehen!“

Also zog ich sie zur grossen Weihnachtsfeier unseres internationalen Unternehmens an.

Ja.

Männerunterwäsche.

Auf einer offiziellen Firmenweihnachtsfeier.

Und ich sah, meiner bescheidenen Meinung nach, absolut fantastisch aus!

Einige Kollegen waren weniger begeistert.

Besonders der Chef schien kurz davor, einen kulturellen Schock zu erleiden.

Ich verstand das Problem nicht.

Es sah toll aus. Es gefiel mir. Ich fühlte mich wohl.

Fertig.

Erst viel später wurde mir bewusst, wie stark sich manche Menschen daran orientieren, was andere denken könnten.

Für mich war diese Frage damals kaum relevant.

Ich wollte nicht auffallen. Ich wollte einfach ich selbst sein.

Dass das manchmal automatisch zum Auffallen führte, war ein netter Nebeneffekt.

„Ja, natürlich mache ich das!“ – Auch wenn ich keine Ahnung habe!

Eines Tages rief mich der Bürgermeister an.

Er hatte gehört, dass ich fliessend Englisch sprach, und fragte, ob ich bei einem internationalen Leichtathletikmeeting übersetzen könnte.

Ich hatte keine Ahnung, was genau mich erwartete.

Meine Antwort?

„Ja, klar!“

Natürlich.

Was sonst?

Ich sagte damals zu fast allem Ja.

Nicht, weil ich alles konnte.

Sondern weil ich davon ausging, dass ich es schon irgendwie lernen würde.

Mein Mann war bei diesem Leichtathletikmeeting übrigens wesentlich nervöser als ich.

Ich übersetzte fröhlich das, was ich verstand, improvisierte mich durch den Rest und hatte wahrscheinlich eine grossartige Zeit.

Ob jede Übersetzung sportlich und sprachlich hundertprozentig korrekt war?

Darüber schweigen wir lieber.

Aber ich hatte etwas getan, das ich mir vorher nicht einmal hätte vorstellen können.

Und genau so habe ich unglaublich viel gelernt.

Ich war als Kind nicht ständig mit Sätzen wie „Das kannst du nicht!“, „Was werden die Leute denken?“ oder „Du machst dich lächerlich!“ aufgewachsen.

Das heisst nicht, dass meine Kindheit perfekt war. Ganz im Gegenteil. Es gab andere Dinge, die ich zu hören bekam und die kein Kind hören sollte.

Aber die Angst, mich auszuprobieren und dabei vielleicht einen Fehler zu machen, war nicht tief in mir verankert.

Das war ein Geschenk, dessen Wert ich erst viel später richtig verstand.

In Südafrika machen wir einen Plan. In Österreich machen wir erst einmal eine Besprechung.

Eine weitere interessante Beobachtung betrifft Entscheidungen.

Als wir unser Haus in Österreich bauten, kam mein Mann irgendwann mit zwei Türgriffen zu mir.

„Welcher gefällt dir besser?“

Ich schaute kurz hin.

„Der da.“

Er nickte.

Entscheidung getroffen.

Einige meiner Schüler bekamen das mit und waren regelrecht entsetzt.

„WAS?! Du entscheidest das einfach so? Ich würde dafür Wochen brauchen!“

Wochen.

Für einen Türgriff!

Ich meine, es ist ein Türgriff. Man greift ihn an. Die Tür geht auf. Mission erfüllt.

Natürlich ist das etwas überspitzt. Und selbstverständlich gibt es auch in Südafrika Menschen, die stundenlang über Türgriffe nachdenken.

Aber ich begegnete hier oft einem grossen Bedürfnis, alles richtig, optimal und möglichst perfekt zu machen.

Ich hingegen war schon so oft umgezogen, hatte Schulen, Häuser und Umgebungen gewechselt, dass ich gelernt hatte, mich schnell anzupassen.

Nicht alles musste perfekt sein.

Es musste funktionieren.

Und Freude machen.

Auch beim spontanen Zusammensein bemerkte ich Unterschiede.

In meiner südafrikanischen Welt konnte aus einem beiläufigen „Kommt doch vorbei!“ plötzlich ein Braai mit zwölf Menschen, drei Salaten, Musik und einem völlig unbekannten Nachbarn werden.

Hier konnte eine spontane Einladung zum Kaffee manchmal eine kleine Terminkonferenz auslösen.

„Diese Woche geht leider nicht. Nächste Woche ist auch schwierig. Aber übernächsten Donnerstag zwischen 15.30 und 16.15 Uhr hätte ich vielleicht Zeit.“

Wunderbar.

Ich trag’s ein.

Mit Kugelschreiber.

Falls wir vorher noch einen Antrag stellen müssen.

Und dann gibt es noch das österreichische „Ja, aber …“

Oh, dieses „Ja, aber“!

Ich wollte etwas ausprobieren.

„Ja, aber …“

Ich hatte eine neue Idee.

„Ja, aber …“

Ich wollte spontan etwas unternehmen.

„Ja, aber …“

Manchmal hatte ich das Gefühl, dass eine Idee hier zuerst sämtliche möglichen Probleme überleben muss, bevor sie überhaupt eine Chance bekommt.

In meiner südafrikanischen Denkweise war vieles eher:

„Let’s give it a go!“

Und wenn etwas schiefging?

„Ag, shame. We’ll make a plan!“

Natürlich kann diese Haltung auch ziemlich chaotisch sein. Und natürlich haben Planung, Vorsicht und Genauigkeit ihre Berechtigung.

Aber wenn wir nur noch darüber nachdenken, was alles schiefgehen könnte, verpassen wir vielleicht das, was wunderbar hätte werden können.

Und wisst ihr, was ich über die Jahre entdeckt habe?

Manchmal ist das grösste Risiko nicht, einen Fehler zu machen. Sondern vor lauter Angst vor Fehlern gar nicht erst anzufangen.

Ich heiratete einen Österreicher in Südafrika – und lernte in Österreich einen anderen kennen!

Jetzt wird’s persönlich.

Als ich meinen Mann in Südafrika kennenlernte, war er ein Österreicher in Südafrika.

Er lebte in einer anderen Umgebung, umgeben von anderen Menschen, einer anderen Lebensweise und einer anderen Energie.

Und ich verliebte mich in genau diesen Mann.

Dann zogen wir nach Österreich.

Und plötzlich war mein Österreicher wieder in Österreich.

Langsam, ganz unbewusst, veränderten sich gewisse Verhaltensweisen.

Er war wieder in seinem gewohnten Umfeld, mit vertrauten Erwartungen, Gewohnheiten und kulturellen Prägungen.

Ich hingegen brachte meine südafrikanische Welt einfach mit.

Ich hatte ja keine andere!

Und plötzlich mussten wir einander auf eine ganz neue Weise kennenlernen.

Nicht, weil einer von uns falsch war.

Sondern weil wir beide von unseren Umgebungen geprägt waren – und diese Prägungen nun aufeinandertrafen.

Das brachte Herausforderungen mit sich. Manche klein, manche ziemlich gross.

Aber wir haben uns immer wieder füreinander entschieden, voneinander gelernt und sind gemeinsam daran gewachsen.

Und dafür bin ich sehr dankbar.

Heute verstehe ich viel besser:

Wir verlieben uns in einen Menschen. Aber wir leben auch mit seiner Geschichte, seiner Kultur, seinen Gewohnheiten und den unsichtbaren Regeln, die er mitbringt.

Und manchmal muss man diese Regeln erst entdecken, bevor man gemeinsam neue schreiben kann.

Die junge Südafrikanerin, die plötzlich für die Apartheid verantwortlich war

Es gab allerdings auch Begegnungen, die weniger lustig waren.

Ich war in Südafrika während der Apartheid aufgewachsen.

Als Kind hatte ich diese politische und gesellschaftliche Realität kaum bewusst hinterfragt. Ich kannte nichts anderes. In meinem unmittelbaren Umfeld wurde wenig darüber gesprochen, und Politik war mit 21 Jahren nicht gerade mein grösstes Interessengebiet.

Erst als ich nach Österreich kam und Südafrika begann, die Apartheid abzuschaffen, setzte ich mich zunehmend damit auseinander.

Heute weiss ich viel mehr über die Ungerechtigkeit, Ausgrenzung und das Leid, das dieses System verursacht hat.

Aber damals war ich eine junge Frau, die gerade erst begann, vieles zu verstehen.

Und plötzlich wollten Menschen mit mir über die Apartheid diskutieren.

Manche schauten mich beinahe an, als hätte ich sie persönlich erfunden.

„Wie konntet ihr nur?“

Ich stand da und dachte:

„Ähm … ich bin 21. Ich versuche gerade erst herauszufinden, wie man hier einen Kühlschrank richtig öffnet!“

Natürlich waren die Fragen berechtigt. Die Apartheid war ein zutiefst ungerechtes System.

Aber ich empfand es manchmal so, als müsste ich persönlich die gesamte Geschichte meines Herkunftslandes erklären und verantworten.

Dabei war mein damaliges Bewusstsein einfach noch nicht so weit entwickelt.

Ich erzähle das nicht, um Unwissenheit schönzureden. Sondern weil ich glaube, dass Bewusstsein wächst, wenn wir bereit sind hinzuschauen.

Und weil mir diese Erfahrungen auch gezeigt haben, wie leicht Menschen die Ungerechtigkeiten anderer Länder erkennen, während sie die eigenen Vorurteile oder Ausgrenzungsmechanismen im unmittelbaren Umfeld manchmal übersehen.

Das ist kein ausschliesslich österreichisches Phänomen.

Das ist menschlich.

Und es hat mich gelehrt, weniger schnell mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Warum meine österreichischen Freunde in Südafrika plötzlich andere Menschen werden

Etwas fasziniert mich bis heute.

Wenn Menschen aus Österreich mit mir nach Südafrika reisen, passiert oft etwas Wunderschönes.

Sie verändern sich.

Nicht unbedingt sofort.

Aber langsam.

Die Schultern sinken.

Die Gesichter werden weicher.

Die Kleidung wird bunter.

Plötzlich ist es nicht mehr so wichtig, ob alles perfekt organisiert ist.

Man sitzt bei einem Sundowner, einem gemütlichen Drink zum Sonnenuntergang, schaut in den Himmel, lacht, erzählt Geschichten und vergisst vielleicht sogar, wie spät es ist.

<em>Kein Terminkalender. Kein Türgriffproblem. Keine Kühlschrankpolizei.</em>

Einfach leben.

Und dann höre ich Sätze wie:

„Jetzt verstehe ich, warum du so bist, wie du bist!“

Das berührt mich jedes Mal.

Denn ich kann den Menschen meine Heimat beschreiben, so oft ich will.

Aber wenn sie selbst dort sind, verstehen sie etwas, das Worte allein nicht vermitteln können.

Sie fühlen es.

Und das Spannende ist: Wenn sie wieder nach Hause kommen, kehren oft auch die vertrauten Muster zurück.

Die Kleidung wird wieder dezenter. Die Termine werden wichtiger. Die Gedanken kreisen wieder um Pflichten und Erwartungen.

Nicht bei allen. Nicht immer.

Aber oft genug, dass es mir aufgefallen ist.

Und dann frage ich mich:

Wie viel von unserer Persönlichkeit ist wirklich unser ureigenes Wesen – und wie viel ist das Ergebnis unserer Umgebung?

Und was ist eigentlich aus der 21-jährigen Südafrikanerin geworden?

Bin ich heute noch dieses junge, unbekümmerte Mädchen, das mit 21 Jahren nach Österreich kam und einfach zu allem Ja sagte?

Natürlich nicht.

Erstens bin ich schon lange keine 21 mehr.

Leider. Oder zum Glück!

Und zweitens hat mich das Leben verändert.

Die Menschen, mit denen ich Zeit verbracht habe. Die Herausforderungen, die ich gemeistert habe. Meine Ehe. Meine Kinder. Meine Arbeit. Meine Erfahrungen in zwei sehr unterschiedlichen Welten.

Österreich hat mich genauso geprägt wie Südafrika.

Heute trage ich beides in mir.

Ein Stück südafrikanische Leichtigkeit und Improvisationskunst.

Ein Stück österreichische Struktur, Verlässlichkeit und Bodenständigkeit.

Und hoffentlich eine ziemlich gute Mischung aus beiden.

Was ich aber auch immer deutlicher wahrnehme, ist die Energie einer Umgebung.

Ich meine damit nicht nur die Stimmung in einem Raum.

Ich meine dieses ganz persönliche, körperlich spürbare Empfinden.

Wie fühlt sich mein Körper an, wenn ich in Südafrika bin?

Wie atme ich?

Wie bewege ich mich?

Wie offen, entspannt oder angespannt fühle ich mich?

Und wie verändert sich dieses Empfinden, wenn ich wieder in Österreich bin?

Für mich sind wir nicht nur denkende Wesen, sondern auch fühlende, energetische Wesen. Wir nehmen unsere Umgebung auf, reagieren auf Menschen, Stimmungen und Atmosphären – manchmal ganz unbewusst.

Das ist ein wesentlicher Teil dessen, was mich heute in meiner Arbeit mit Menschen beschäftigt.

Denn wenn unsere Umgebung uns prägen kann, dann können wir auch lernen, bewusster damit umzugehen.

Wir müssen nicht automatisch alles übernehmen, was um uns herum geschieht.

Wir dürfen wählen.

Zwei Heimatländer. Ein Leben. Und immer noch die falschen Artikel.

Österreich war gut zu mir.

Ich durfte hier ein wunderbares Leben aufbauen, ein Unternehmen entwickeln, mit unzähligen Menschen arbeiten und sie auf ihrem persönlichen Weg begleiten.

Ich habe viel gegeben.

Und ich habe unglaublich viel zurückbekommen.

Manche Menschen sagen mir bis heute, dass ich irgendwie anders bin.

Früher hätte ich vielleicht einfach gelacht.

Heute weiss ich, dass dieses Anderssein Teil meiner Geschichte ist.

Und dass genau diese Mischung aus unterschiedlichen Erfahrungen, Mentalitäten und Lebenswelten meine Arbeit und mein Leben bereichert.

Südafrika hat mir Wurzeln gegeben.

Österreich hat mir neue Möglichkeiten eröffnet.

Und beide Länder haben mir auf ihre eigene Weise beigebracht, wer ich bin – und wer ich noch werden kann.

Vielleicht müssen wir gar nicht entscheiden, welche Kultur die bessere ist.

Vielleicht geht es darum, aus jeder das Beste mitzunehmen.

Ein bisschen mehr südafrikanisches „Let’s make a plan!“

Ein bisschen österreichisches „Machen wir’s ordentlich!“Zumindest bemühe ich mich…☺

Und vor allem die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie wir leben möchten.

Denn das Leben ist viel zu kurz, um sich wochenlang über einen Türgriff Gedanken zu machen.

Oder sich wegen eines falschen Artikels zu schämen.

Oder sich von der Meinung anderer davon abhalten zu lassen, ein Paar wunderschöne Seidenboxershorts zur Weihnachtsfeier anzuziehen.

Und wenn ich heute in meiner Yogastunde wieder einmal sage:

„Beugt euch nach vorne und berührt eure Zähne!“

… dann hoffe ich einfach, dass meine Schüler weiterhin so wunderbar über mich lachen können wie ich selbst.

Denn eines habe ich über all die Jahre gelernt: Das Leben muss nicht immer perfekt sein. Aber es darf verdammt viel Spass machen!

Mit ganz viel Liebe aus meinen zwei Welten,

Eure südafrikanisch-österreichische Mischung mit gelegentlichen Grammatikproblemen.

Und jetzt bin ich neugierig:

Hast du auch schon einmal in einem anderen Land gelebt oder bist in eine andere Kultur eingetaucht? Welche Unterschiede haben dich zum Lachen gebracht – und welche haben dich verändert?

Erzähl mir davon in den Kommentaren. Ich freue mich auf deine Geschichten!

Und wenn du Südafrika nicht nur kennenlernen, sondern dieses besondere Lebensgefühl selbst erleben möchtest: Ich nehme immer wieder Menschen mit auf meine Reisen und Retreats in meine Heimat. Vielleicht bist du beim nächsten Mal dabei.

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